Ist unser Finanzsystem noch leistungsfähig? Über einen notwendigen Neustart

Am 16. Februar 2017 sprach der Vorstand der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS Bank), Thomas Jorberg, im Rahmen der Finance Experts Speaker Series (FESS) vor einem bis auf den letzten Platz besetzten Auditorium des Patrizia Forums und Management Centers.

Das ewige Mantra des Wachstums

Fast täglich erreichen uns Nachrichten über unverantwortliches Geschäftsgebaren der Banken. Aus der Finanzkrise wurde anscheinend nicht gelernt. Ein positives Bild von der Rolle der Banken der Zukunft gibt es (noch) nicht. Was zählt sind Umsätze, aber keine Grundsätze. Das ewige Mantra des Wachstums steht über allem. Aber – zu welchem Zweck? „Geld gleicht dem Seewasser - je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird man“, sagt Thomas Jorberg, Vorstand der Alternativ-Bank GLS. Er setzt sich für eine Revolution seines Geschäfts, für eine Bankenwende ein. Das Geld müsse wieder dem Menschen dienen, nicht andersherum. Eine Zukunft sieht er nur im wertorientierten Bankgeschäft.

Die Bank der Zukunft

„Ist unser Finanzsystem noch leistungsfähig?“ fragt Jorberg ins Plenum. Im betriebswirtschaftlichen Sinn schon.  Wir leben nicht mehr in der Situation, dass wir Hunger leiden müssten. Im Gegenteil: Angebotsüberhang und Überfluss prägen unser Leben. Knappheit gab es zu einer Zeit, in der die Marktwirtschaft gegründet wurde, um eben diesen Mangel zu beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt war dies ein erfolgreiches Modell. Heute allerdings kommt Geld nicht da an, wo es gebraucht wird. Unser Wachstum führt nicht dazu, dass Arme weniger arm werden  – im Gegenteil: Das Verteilungsproblem lässt die Kluft zwischen arm und reich immer gewaltiger werden. Arbeit dient heute nicht mehr in erster Linie dazu, uns zu versorgen, sondern wir arbeiten für Unternehmen, deren Hauptmaxime es ist, zu wachsen. Genau dies ist nach Jorberg betriebswirtschaftlicher Unsinn, denn die Wirtschaft diene dazu, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Nur wenn dies gelingt, ist das Resultat „Gewinn“.

Die Konstruktion der Bedürfnisschizophrenie

Die Gesellschaft müsse eine Debatte über langfristige Ziele führen und sich die Frage stellen „wie wollen wir leben?“ Thomas Jorberg plädiert für einen Paradigmenwechsel: Eine Abkehr von der Haltung „Ich für mich“ hin zum „Ich für Dich“. Dabei sei es wichtig, uns selbst als Bürger und als Konsumenten besser zu beobachten und zu verstehen, dass wir eine Bewusstseinsmauer gezogen haben zwischen dem Wunsch nach dem höchsten Zins und dem Bedürfnis, eine sozialere und umweltbewusstere Gesellschaft zu haben. Das bedeutet, dass sich unsere Vorstellung vom Bauernhof mit  glücklichen Kühen und Hühnern nicht deckt mit dem Preis, den wir bereit sind für diese ökologischen Erzeugnisse zu zahlen. Wir müssen uns bewusst machen, dass es Zusammenhänge gibt zwischen der eigenen Geldanlage und darüber, wie die Welt aussieht, denn „mit Geld umgehen heißt auch Gesellschaft zu gestalten.“

Die Last der Freiheit

„Wir haben das größte Potenzial der Freiheit und können uns frei entscheiden, wie unsere Zukunft aussehen soll“, erklärt der Öko-Banker. Als grundsätzliche Treiber für gesellschaftliche Veränderungen erkennt Jorberg entweder Not oder - die Einsicht. Die Menschen müssten kritischer werden und eine gesellschaftliche Debatte darüber entfachen, wie unser Gemeinwesen in Zukunft organisiert werden soll,  „denn die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden durch Bilder einer Zukunft, die wir wollen.“